Vergleichen

„FÜR EINEN EINZIGEN KRIEG SOLL
SICH DIE MENSCHHEIT BEGEISTERN,
UND DAS IST DER KRIEG GEGEN DIE
DIE MENSCHHEIT WÜRGENDEN
KRANKHEITEN“

Wie  viele Levels hat die Depression?
Wie viele Levels hat die Angst?

Diskussionen, Beschwerden, Kundgebungen, radikale Demonstrationen, Unruhen, Straßenschlachten, Bürgerkrieg, 1. Weltkrieg, 2. Weltkrieg, Holocaust, Apokalypse.

So und noch weiter würde ich die unzähligen Levels von depressiven Erscheinungen im Vergleich unterscheiden wollen.
So gesehen sehe ich mich in diesem kranken Parallel-Vergleich als einer der Überlebenden des „psychischen“ Holocaust.

Ich maße mir hier was an?
Nein, ich masse mir hier nichts an. Das eine kann ich mir vorstellen und das andere habe ich erlebt. Aus meiner Sicht passt der dramatische Vergleich sehr gut.
So eine verdammt Scheiße!
Scheiße? Unseriös?
Ist das rhetorisch zu niveaulos? zu offen? zu direkt?

Denken Sie da doch mal an die heutige Sprachkultur der Hollywood-Oskar-Filmbranche. Bester Film 2014/2015. and the oscar goes toooo: Birdman. „Fick dich“. „Ja, fick dich“. Ich habe nicht mitgezählt, schätze ungefähr 20 mal haben Michael Keaten, Edward Norton, Emma Thomson & Co. in rund 90 Minuten Mainstream- Kinogenuss kundgetan wie sie sich fühlten. Sie hätten natürlich auch Scheiße sagen können um ihrer emotionalen Authentizität Intensität zu verpassen. Aber Fick Dich ist moderner und internationaler geworden. Und die Zuseher sind begeistert. Ich auch. Vom Film, von der Story, von den Schauspielern, vom Es ist wie es ist. Alles ist erlaubt. Sogar „Fick Dich“. Also wird ja wohl meine „Scheiße“ hier mindestens auch einen kleinen Platz haben dürfen ohne dass es Sie gleich konsterniert und vom Hocker schmeißt und mir den Stempel der Primitivität aufknallt.
Schließlich lautete die Diagnose therapieresistente Angststörung und rezidivierende Depression. Entweder man nimmt sich das Leben, oder man stellt sich dem Tod und sieht ihm geradewegs ins Auge.

Jeder Mensch lebt, und jeder einzelne erlebt ein unterschiedliches Leben. Jeder sieht eine andere Welt um sich, nimmt sich und die Umgebung anders wahr. Grundsätzlich ist das nichts Neues. Doch dass dieses „anders fühlen und wahrnehmen“ so unterschiedlich wie Tag und Nacht, wie Krieg und Frieden, wie Sonne und Nebel, wie Wärmen und Frieren, wie Leben und Sterben sein kann hätte ich nicht  begriffen wenn ich es in der Schule gelernt und nicht  geglaubt hätte ich es in einer Geschichte gelesen. Jeder Moment von Vorstellung führt letztendlich über das persönliche Erleben in die Erfahrung.

Unter der Voraussetzung dass Glück zu haben auf einem Kontinent und in einem Land mit sozialem Gesundheitssystem zu leben oder reich zu sein und sich die schnelle Genesung erkaufen zu können.
Jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben ein würdiges Leben zu führen. Ausreichend Essen haben, Lesen und Schreiben lernen, Bedürfnisse in seinem Umfeld entdecken können denen man auch ohne mehr Geld besitzen zu darin Leidenschaft erleben kann, Bildung ohne Drang und Zwang in Anspruch nehmen weil man sich dafür interessiert und nicht weil man die Belohnung des Eifers und der Zielstrebigkeit in Form von viel mehr Geld belohnt wird, sich in Freiheit bewegen können, zu Lieben, zu helfen, zu achten, zu respektieren, sich auf zu machen die Grenzen brechen zu wollen zwischen dem was in der Geschichte der Menschheit aktuell ist, besser sein könnte, und zu allerletzt so würdig als möglich trotz Krankheit sterben zu können. Metaphern die ein Leben bewegen, ausmachen, könnte man wahrscheinlich seitenweise ergänzen, wenn nicht ein ganzes Buch damit füllen. Dass das so ist, sagt schon genügend dazu aus von wie vielen wahrscheinlich Millionen von Dingen es abhängig ist was man erlebt und wie für jeden sein Leben verläuft.

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Helfen

132, 135, 156, 144, 128, 140 …. ich bin vor einigen Minuten aufgestanden, sitze in der Küche zusammen gekrümmt, starrend, am kleinen Frühstückstisch neben dem Fenster, habe die Puls-Werte in Panik wieder vom Puls-Oxymeter abgelesen. Zitternd streife ich das Ding vom Finger. Verdammt! mein Herz rast schon wieder so. Ich halte das nicht mehr aus. Und diese Angst, diese verdammte Angst! Mein Herz setzt dazwischen manchmal aus. Nicht schon wieder. Bitte nicht. Schon während die Extrasystole einsetzt, auf halbem Wege sozusagen, zucke ich in mir zusammen und verspüre extreme Angst. Solche Angst jene ich haben könnte wenn die Sauerstoffmasken nach einem Luftloch während eines Passagierflugs vor mir rausspringen würden. Was ist nur los mit mir? Warum habe ich solche Angst? Ich kann mich kaum beruhigen. Neuerliche Messung. Der Puls geht wieder weiter rauf. Bei 150 wieder. Am ganzen Leibe zitternd rufe ich meine Mutter an. Es geht mir schon wieder so schlecht. Ich weiß nicht was ich machen soll. „Komm zu uns runter“: meint meine Mutter mit besorgter Stimme.

Meine Eltern, meine Mutter und mein Stiefvater, wohnen 7 Gehminuten von mir. Ich greife kurzerhand zu einem Hemd, steige in die Jean und springe in die Schuhe. Keine Socken. Es gibt kaum ein überlegtes Handeln, wie programmiert, in Trance, als hätte ich keine andere Wahl. Die Angst kümmert sich um die Entschlossenheit, verlasse die Wohnung und mache mich auf den Weg. Eine Gasse weiter, ich  fühle mich derart schlecht, mein Körper beruhigt sich nicht.

Es ist Sonntag, die Sonne scheint, es ist warm, es könnte alles so schön sein. Nur vereinzelt spaziert jemand herum. Ich fühle mich in Panik. Ich fühle Angst. Angst davor wie ich mich fühle, und mein Herz, es rast und stolpert, es pocht so stark und schnell, jeden Herzschlag spüre ich ohne danach zu tasten. Meine Gedanken nur noch in Angst. Werde ich heute sterben? Werde ich jetzt sterben? Jetzt in den nächsten Minuten, vielleicht in 2 Sekunden? Einer meiner Gedanken visualisiert mir in nur zwei bis drei Sekunden Bilder dazu wie ich auf offener Straße fast bettelnd jemand anspreche und sage: „Bitte helfen Sie mir, es geht mir so schlecht!“ Schräg links visavis geht eine ältere Dame, ca. 50 Meter vor mir kommt mir auch eine Frau um die sechzig Jahre alt entgegen. Soll ich Sie ansprechen?? Soll ich Sie fragen? …. Entschuldigen Sie. Bitte helfen Sie mir! Es geht mir so schlecht. Warum fühlt sich das so erniedrigend an. Warum fühlt es sich erniedrigend an einen Menschen um Hilfe zu bitten wenn man glaubt man stirbt. Ich gehe an der Frau vorbei. Sie hat mir in die Augen gesehen.

Es gibt Tage, da wird man nicht gesehen, und es gibt Tage da wird man gesehen, und es gibt Tage, da wird man von überdurchschnittlich vielen Menschen wahr genommen, ich bin der Überzeugung es hat mehr Gründe als es nur dem Zufall zuzuschreiben. Es gibt Menschen, die spüren wenn etwas außerhalb der Norm in ihrem Radius passiert.

Ich gehe weiter. Ich habe erst zwei Gassen hinter mir. Erst ca. zwei Minuten Fußmarsch. Meine Atmung, als wenn ich einen Dauerlauf hinter mir hätte. Kurzatmig. Noch 5 Minuten. Soll ich umkehren? Alles verschwimmt in meiner Optik, als wenn ich mich in einem Computerspiel befinden würde. Da vorne ist schon die kleine Brücke jene über die Bahngleise führt. Da muss ich noch hinüber. Dann gerade, einmal links, einen Abkürzer durch einen Wohnblock. Ich muss es schaffen. Ich dreh nicht um.  Ich muss zu jemand der für mich jetzt da ist! Der mir hilft. Möchte nicht allein sein. Ich wische mir die Tränen mit geballter Hand aus dem Gesicht. Die Brücke ist hinter mir. Ich schaffe es nicht. Ich glaube ich bekomme gleich einen Infarkt. Soll ich die Rettung rufen?  Soll ich? Die Hand am Handy, zitternd am Zahlenblock.

Dort drüben ist noch jemand! Wenn ich umfalle sieht er mich vielleicht. Ich hätte eine Chance wenn er mich zu reanimieren versucht. Wird er es versuchen? Wird er mich sehen wenn ich in mir zusammen sinke? Noch hundert Meter. Ich bin gleich da. Gleichzeitig die Tür aufsperrend drücke ich kurz an der Sprechanlage, dass sie wissen dass ich da bin. Drei lange Stöcke eines Altbau-Wohnhauses, kein Aufzug. Eigentlich bin ich zu sehr außer Atem. Als hätte ich Asthma. Ich schaff das. Ich werde jetzt nicht sterben, nicht jetzt! Ich komme im dritten Stock an. „Hallo, mir geht es so schlecht!“ „Leg dich auf die Couch, ich bring dir ein Glas Wasser. Christian, leg dich hin, komm, gib die Füsse in die Höhe“. „Danke!“ „Danke!“ sage ich mit leiser Stimme. Ca. zwei Stunden vergehen im Halbschlaf. „Es geht schon wieder halbwegs“ antworte ich meiner Mutter mit ihrer bekümmert klingen Stimme fragend „Wie geht es dir?“ Fünfzehn Minuten später möchte ich gehen. Mich nach Hause zurück ziehen, alleine sein, versuchen, das erlebte zu verdauen. Ich verabschiede mich. Mein Mutter meint noch mal ob ich nicht noch bleiben wolle, Sie mir noch einen Tee oder was zu Essen bereiten könne. „Danke, nein, es geht schon, ich gehe jetzt heim, danke!“

Als ich die Stiegen runter gehe,  wird mein Pulsschlag wieder höher, die Angst nimmt wieder zu. Im Erdgeschoss angekommen rast mein Herz schneller und schneller. Ich habe das Gefühl gleich ohnmächtig zu werden. Mache das Eingangstor auf, drücke auf die Klingel der Sprechanlage und sage: „Bitte ruf die Rettung!“ Ich setze mich in Zeitlupe fühlend auf das Trottoire. Meine Eltern kommen mir entgegen, holen mich. Sie stützen mich, helfen mir die Stiegen wieder langsam rauf und ich lege mich wieder auf die Couch.

Fünf Minuten später läutet es an der Sprechanlage. „Dritter Stock“, sagt meine Mutter mit besorgter bestimmender Stimme. Ein Arzt und zwei Gehilfen der Rettung kommen zu mir an die Couch. EKG- Elektroden werden mir auf die  Brust geklebt,, Blutdruckmanschette um den Arm gelegt. „Ruhig atmen“ sagt der Arzt. Der Arzt und die Gehilfen erkundigen sich bei meiner Mutter nach den Umständen. Meine Mutter erzählt dass ich aufgrund von schwierigen Lebensumständen zurzeit eine schwere Zeit durch mache … „Aha, verstehe“ sagt der Arzt doch verständlich aber wirkt einfühlend. „Das EKG ist in Ordnung! Blutdruck normal, Puls leicht erhöht.  Der Arzt zeigt sich berührt, oder einfach nur höflich, nimmt meine Hand, sieht mich an „Das wird wieder junger Mann. Das wird wieder!“ Das Rettungsteam und der Arzt verabschieden sich, wünschen mir alles Gute und baldige Besserung.

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Prozac zum Geburtstag

… heute ist mein Geburtstag, diesmal hat sich das Leben mit seiner Überraschung also wirklich mal was Originelles einfallen lassen, und so erwache ich an diesem vernebelten Tag wieder in diesem verdammten Psychiatrie-Wahnsinn mit meinem Eigenem. Der Vormittag gleicht einer Wettervorhersage mitten in einer sibirischen Kältephase. Das einzige was heute als Placebo wie ein als Pflaster auf meine weit mit Blut triefenden offenen Wunden wirkt ist die Erinnerung dass ich meinen Geburtstag habe. Das handy bleibt in diesen Stunden abgedreht. Es ist wie ein unterbewusster charakterlicher Boykott auch an meinem Geburtstag keinen Kontakt haben zu wollen solange ich hier um meine Gegenwart und um meine Zukunft ringe. Dadurch dass mein handy abgedreht ist wird es zum ersten Mal in meinem Leben passieren, dass obwohl ich von 23 Patienten und rund 5 Ärzten und 5 Pflegern hier umgeben bin mir keiner zum Geburtstag gratuliert. Kein Mensch kann aufgrund meiner Auskunftspflicht die ich bei der Aufnahme mit „nein“ beantwortet habe, zu mir, mich auf die Wange küssen oder mir die Hand schütteln. Es ist fast so als wolle ich diese einmalige triste Situation in der ich mich befinde auf melancholische einzigartige Möglichkeit wahrnehmen. Die Möglichkeit aufgrund der Depression ein ebenbürtiges Gefühl wahrzunehmen jenes dahin gehend wenigstens zu einem Gefühl wird welches mich schon wieder leicht von der Depression abkoppelt. Würde ich in dieser Depression und dem derzeitigen Gesamtdruck der das ganze zu einem unglaublichen Fiasko gemacht hat mit jedem telefonieren der mich anruft und mir Glück wünscht wäre das ein emotionaler Bumerang für mich weil ich mich sehr schlecht fühle, das Licht am Ende des Tunnels einfach wieder verschwunden ist. Ich weiß natürlich alle auswendig die an meinen Geburtstag denken und mich jetzt oder heute zu erreichen versuchen, aber es wäre ein Ringelspiel innerhalb meiner grauen Gedanken- und Gefühlswelt. Die Stimmen meiner liebsten Menschen und die Glückwünsche und wohlgemeinte Zureden durchzuhalten, wieder auf die Beine zu kommen und dass sie sich auf ein Wiedersehen freuen würden mich emotional mehr als sonst erfassen. Weil mir diese Menschen so viel bedeuten, weil ich weiß dass diese Menschen an mich denken und hoffen dass ich da wieder raus komme und weil ich ganz einfach so weit entfernt bin von dem Wunsch aller und mir selbst.
So schwänze ich heute die Visite und tauche gegen 10.30 Uhr wie meinem Ergotherapeuten versprochen in der Therapie auf. Mein begonnenes Bild von Monet hat noch viel Feinschliff vor sich. Mir gefällt dieses Bild. Es berührt mich irgendwie. Außerdem möchte ich es meiner Mutter zu Weihnachten schenken. Es bedeutet mir viel ihr in dieser Lebensphase zu Weihnachten dieses Bild aus der Ergotherapie der Psychiatrie zu schenken. Es ist was ganz persönliches von mir. Nicht vergleichbar zurzeit mit einem Parfum. Heute beginnt der Feinschliff. Die Striche, der Weg, die Farben nochmal anpassen, etwas ändern, viele weiße Flecken, da liegt noch viel persönliches Potential dass ich in diesem Bild vermitteln kann. Der Ergotherapeut hinterlässt bei der Begrüßung ein Lächeln dass er sich freut dass ich heute tatsächlich aufgetaucht bin. Und mich freut es dass er diese persönliche Wertschätzung kurz aufblitzen lässt die nicht gekünstelt und sehr ehrlich rüberkommt. Er berät mich kurz wie ich mein Altrosa für den Weg der Allee mixe da ich keine Ahnung mehr von Farbenspielen aus Schulzeiten in Erinnerung habe. Er ergänzt nochmals, dass tut er oft, dass ich nicht versuchen soll das Perfekte im Auge zu haben, mir Zeit lassen soll und es nicht heute fertig werden soll.
Mit großer Aufmerksamkeit widme ich mich meinem Monet. Am Ende der Stunde kehre ich doch mit etwas Stolz und kleiner Freunde dem Bild dem Rücken und verabschiede mich für den Tag aus der Therapie.
Am Zimmer gegen Mittag kommt noch meine Ärztin zu mir, da ich bei der Visite nicht anwesend war.
„Wie geht es Ihnen heute?“
„Minimal miserabler als gestern“, gegen Mittag sollte mein Fluoxetin (Prozac) mit dem ich ja heute beginne geliefert werden. Ich werde dann beim Stützpunkt nachfragen ob es schon da ist. Übrigens würde ich gerne, aber das wird wahrscheinlich nicht möglich sein im Zuge meines bevorstehenden 24-Stunden EKG mit einem Kardiologen sprechen. Es geht um die Wahl des Betablockers. Ich habe gestern im Internet wieder eine Menge nachrecherchiert und gesehen dass es hier eine große Auswahl an Medikamenten von Alphablockern, Betablockern, ACE-Hemmer, Kalziumantagonisten gibt und je nach Begleiterkrankung eine gezielte Auswahl getroffen werden kann die auch als Blutdrucksenkung bzw. Senkung der Herzfrequenz oder Rhythmusstörungen auch passt. Auch hier hat sich in den letzten Jahren der Lektüre des Ärzteblattes der deutschen Heidelberger Universität nach einiges verändert. Demnach sind je nach dem Betablocker oft nicht mehr als first-line Medikament in vielen Fachabteilungen gehandelt.
Herr Christian, in der Kardiologie bei uns im Krankenhaus werden meist nur Akutfälle behandelt, da ist es sehr schwierig einen Termin für eine derartige medikamentöse Beratung zu bekommen. Das müssten Sie am besten extern lösen und außerhalb der Station einen Kardiologen konsultieren. Wenn Sie einen brauchen, ich wüsste da einen, Herrn Prof. Kardi. Der ist auch betreffend Weiterbildung immer up to date und könnte und wäre für diese Beratung sehr geeignet. Wir hier auf der Station der Psychiatrie kennen da nur die gängigsten dieser blutdrucksenkenden Medikamente. Geht es Ihnen mit dem Concor heute besser als mit dem Alphablocker Clonidin?
Ja. Mein Ruhepuls ist wieder unter 100. Ich werde eine eventuelle Optimierung was das betrifft nach meinem stationären Aufenthalt hier angehen. Aber ich notiere mir zur Sicherheit den Arzt den Sie mir genannt haben.
Herr Christian, o.K., wir sehen uns dann Morgen, auf Wiedersehen.
Auf Wiedersehen, schönen Tag Noch Frau Professor.
Bob, mein Visavis-Kollege schaut mich an, kommt auf mich zu.
Christian, alles alles Gute zum Geburtstag.
Letzte Woche habe ich mal erwähnt dass ich am Dienstag Geburtstag habe. Er hat es sich doch tatsächlich gemerkt.
Daraufhin gratulieren mir auch Dob und Rupert mit einem Handshake sehr nett.
Ich gehe zum Stützpunkt.
Ist mein Medikament schon eingetroffen dass gestern bestellt wurde?
Ja. Herr Christian, ist schon eingelangt. Und öffnet schon den Schlitz der Medikamentenschatulle. Dort liegt mein Viertel der Tablette, 5 mg Prozac.
Fluoxetin bzw. Fluctine oder in den USA Prozac genannt ist ein SSRI-Wiederaufnahmehemmer. Das Medikament wurde als erster großer SSRI in den 80er Jahren in den Vereinigten Staaten als Meilenstein in der Pharmakologie zur Erlösung gegen Depressionen gefeiert.
Das Medikament zu versuchen war bei der Montag Besprechung ein weiterer unsicherer, eher verzweifelter aber trotzdem mutiger Vorschlag meinerseits. Ich erzählte Frau Prof. House dass ich dieses Medikament seinerzeit vor ca. 10 Jahren mal vorübergehend als mein erstes Medikament gegen meine beginnende psychische Erkrankung von einem Neurologen verschrieben bekam und damals für die kurze Zeit die ich es nahm gut vertragen habe. Natürlich stand wiedermal die absolut teilbare Mindestdosis zur Auswahl da ich ja alle anderen SSRI bisher aufgrund meiner persönlichen großen Nebenwirkungsintesität absetzen musste trotzdem ich die Wirksamkeit der SSRI nie in Frage stellte weil ich schon meist nach Stunden eine Besserung wahrnehmen konnte. Naja, und nun eben Prozac, bzw. damals Mutan vom Neurologen. Wohl mein letzter SSRI-Versuch. Dann habe ich endgültig alle SSRI durch.
Frau Prof. House schaute natürlich wieder skeptisch weil sie schon öfter bei unseren Besprechungen wiederholt hat dass wir keine SSRI mehr versuchen.
Es schmilzt im Vergleich zu allen anderen Medikamenten die ich nehme sehr schnell im Mund. Unter der Wasserleitung ohne Becher den Mund darunter haltend schlucke ich mein Prozac mit doch einer neuerlichen Portion unterbewusster Hoffnung. Hoffnung mich aus der Geisel meiner jetzt doch schon lang andauernden depressiven Episode mit etlichen neuerlichen medikamentösen Versuchen an deren Nebenwirkungen ich zerbrochen bin.
Auf ein Neues ! Alles Gute zum Geburtstag, denke ich als ich die Brösel beim Schlucken spüre.
Nach dem Mittagessen setze lehne ich mich am Bett an den Rand und verbringe etwas Zeit mit dem Laptop. Medikamente studieren, Nachrichten zur Russland Währungskrise lesen, den Absturz meiner Aktien niederschmetternd hinnehme, und gute Musik aus You-Tube genieße.
Eine Stunde mag etwa vergangen sein, als ich dieses Gefühl von Entspannung, von Erlösung meiner Anspannung, dem Sammeln meiner Gedanken, das Licht am Ende des Tunnels plötzlich sehen kann, wie es zuerst klein und dann etwas größer wird. Als wenn ich in einem Zug säße, aus dem Fenster schaue und durch diesen elend langen Tunnel die mikrolangsame Vergrößerung des Lichtes aufgrund des Fortschreiten Richtung Ende des Tunnels wahrnehmen kann.
Unglaublich! Auch wenn ich das volle Programm an Argumenten in mir abgespeichert habe, wie oft ich das schon bei einigen anderen SSRI erlebt habe und diese dann aufgrund schwerer Nebenwirkungen absetzen musste.
Alles Gute zum Geburtstag! … sage ich mir innerlich erneut. Und, danke, füge ich hinzu!

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Beurteilen

Psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Schizophrenie, Bipolare Störungen, Borderline, Zwangserkrankungen, zählen aus meiner Sicht zu den quälendsten Erkrankungen der Welt.

Es ist der Umstand, dass diese eine Intensität über einen langen Zeitraum halten können. Täglich, über Wochen und Monate, oder schrecklich, über Jahre, im schlimmsten Fall bis zum Lebensende beeinträchtigen können und das Leben im wahrsten Sinn des Wortes zur Hölle machen können.

Die Leidenszeit ist abhängig vom Ansprechen auf unterschiedliche Therapieformen, von der hauptsächlich im Mittelpunkt stehenden medikamentösen Therapie, auch wenn Psychotherapeuten bis heute glauben dass durch Reden schwerwiegende falsche neuronale Abläufe im Gehirn ausgedacht und gelöst werden können, bis hin zur Elektrokrampftherapie bei Depressionen. Mit entscheidend für die Erkennung der Erkrankung im Anfangsstadium ist die gereifte Kompetenz und das intuitive Händchen eines Arztes der die Ernsthaftigkeit der psychischen Problematik rechtzeitig und überhaupt erkennt und dem Patienten nicht  nur erklärt dass sein Herz gesund sei, sondern diesen bei Verdacht zum Psychiater überweist. Das ist Glück, ob Sie es glauben oder nicht! Glück ist beim Verlauf und der Prognose von psychischen Erkrankungen durchschnittlich mehr notwendig als bei vielen anderen Erkrankungen. Der Grund hiefür liegt in der Vielzahl der zur Verfügung stehenden Medikamente mit einer Unterschiedlichkeit an individueller Wirksamkeit, Verträglichkeit oder Unverträglichkeit dass es beinahe einem Pokerspiel gleich kommen könnte. Die Anatomie des Patienten im Hintergrund, eventuelle Nicht-Norm-Varianten der Leber-Metabolisierung oder Begleiterkrankungen erschweren die Handhabung  und Vorgehensweise der spezialisierten Psychiater um Vieles. Und das Durchhaltevermögen, die Persönlichkeitsstruktur, das Kämpfen, das Annehmen, das Überleben wollen, das Leben wollen, das Nicht-Aufgeben trotz täglicher eventueller monate- bis jahrelangem Leidensdruck entscheiden über Leben, Überleben und Tod.

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Verzeihen

Ich verstehe heute, wie es zig tausenden Menschen jährlich weltweit ergeht und was in Ihnen vorgeht wenn Sie sich plötzlich entscheiden vor den einfahrenden Zug zu schmeißen, vom Balkon stürzen oder eine Kugel durch den Kopf jagen. Ich habe solche Menschen persönlich im  Krankenhaus kennengelernt bevor ich plötzlich erfuhr dass sie sich das Leben genommen haben. Wenn der Leidensdruck zu lange anhält, wenn die Hoffnung verloren geht, die Hoffnungslosigkeit zu lange zuschlägt, man zulange  keinen Therapieerfolg hat und die Hoffnung verliert, jede Kraft verbraucht hat, dann besteht die Möglichkeit dass man einfach nicht mehr kann.

Der Mensch ist was Besonderes. Aber der Mensch ist kein Gott. Der Mensch ist ein Mensch. Und stelle man sich vor man wird jahrelang gequält, wie eine Folter als Gefangener in einem Terroristen-Lager, ständig unter Angst, irgendwann hält man es nicht mehr aus. Man hält es nicht mehr aus weil man ein Mensch ist. Man kann nicht sagen dass ein Mensch aufgibt. Er kämpft solange, solange es für sein Wesen, für seine Persönlichkeit möglich ist unmenschliche Qualen zu ertragen und er tut alles um da raus zu  kommen,  alles um  sein Leid zu lindern, alles um seine Erkrankung  unter Kontrolle zu bekommen, alles um irgendwie  gesund zu  werden, alles um nicht nur das Leid zu ertragen sondern auch das Leben manchmal nur für  ein paar Stunden zu spüren und entspannen zu können, sich über irgend etwas, einen Moment freuen zu können. Jeder, auch all jene die den Freitod gewählt haben, meine Meinung, keiner hat aufgegeben, sondern gekämpft solange es für ihn möglich ist, jeder ist solange es ihm möglich war gegen diese Erkrankungen anzukämpfen zumindest für sich selbst, falls das andere nicht erkannt haben, zum Helden geworden.

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Verlieren

… in einer Nacht im Frühjahr 1975.

Mein Bruder und ich schlafen bereits. Es ist Nacht als ich plötzlich erwache. Stock dunkel draußen. Ich höre die Signaltöne eines Rettungswagen in unserer Gasse und schon spiegelt sich das Blaulicht wirbelnd durch die dünnen Vorhänge unseres Kinderzimmers. Ich liege, der Blick in kreisende Lichter gerichtet, rühre mich nicht, beobachte das Licht und lausche. Männerstimmen betreten unsere Wohnung, und Mutter bittet diese weiter ins Schlafzimmer. Unser Vater, er liegt im Bett, erbricht, in kurzen Abständen, dazwischen nach Luft ringend, und erbricht wieder in den Kübel am Bett. Man hört das recken und den wässrigen Auswurf der in den Kübel plantscht. Ich liege regungslos, meine Atmung ist flach, keine Bewegung jetzt. Ich fühle instinktiv das etwas furchtbares seinen Lauf nimmt ohne es in vollständigen Sätzen zu denken. Die Männer von der Rettung legen Vati auf eine Trage. Von meinem Bett zu seinem Bett liegen etwa 2 Meter. Dazwischen die geschlossene Tür. Ich bin 7 Jahre alt. Ich weine nicht. Meine Sinne sind geschärft als wenn ich einen Einbruch abwarten und aus Angst ohne Reaktion ertragen würde. Die Männer tragen meinen Vater auf der Bahre langsam und vorsichtig aus dem Schlafzimmer. Sie verlassen mit ihm die Wohnung und ich höre durch die alten dünnen Fenster einige Minuten später wie die Türen des Rettungswagens zu fallen und das Blaulicht verlässt mein Zimmer. Ich diesem Moment weiß ich nicht dass es die letzte Möglichkeit war aufzustehen, die Türe zu öffnen, zum Krankenbett nachzulaufen, ihn in dem Arm zu nehmen und zu sagen: „Ich hab dich so gern“!

In den folgen Tagen und Wochen sagt uns unsere Mutter dass Vati im Krankenhaus sei und Alex und ich zum Besuch nicht mitgehen brauchen weil Vati jetzt Ruhe bräuchte.
Eines Tages kommt Mutter heim, als Alex und ich uns zur Begrüßung um sie schmieren, setzt sich zu uns, und bevor ich die Frage stellen kann wie es Vati geht setzt sie sich zu bedächtig zu uns.
Christian, Alex, … „Vati….. ist jetzt im Himmel“.
Ein seltsames, trauriges als auch warmes Gefühl überkommt mich. Unsere Mutter drückt uns fest an sich und ergänzt dass es im gut geht, dort, wo er jetzt ist.
Am nächsten Tag fahren wir mit der Bahn gemeinsam zu den Großeltern. Ich halte die Hand unserer Mutter, schau sie an. „Wir müssen jetzt zusammen halten!“ sage ich.
Mein Bruder und ich waren nicht am Begräbnis von Vati.
Unsere Mutter hat uns erst viele Jahre später genauer erklärt welche Krankheit Vati hatte, dass es Blutkrebs, also Leukämie war an der er verstorben ist. Ich verstehe, dass sie es damals für besser hielt meinen Bruder und mich nicht im Detail zu informieren und auch nicht zu den Besuchen unseres sterbenden Vaters ins Spital mit nahm. Ich verstehe es.

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Diskriminieren

Sehr oft findet man als Slogan oder in Überschriften auf Plattformen zu Psychischen Erkrankungen die Thematik „Gegen Diskriminierung psychisch Kranker“ oder in ähnlicher Beschreibung.

Meiner Meinung nach gibt es diese spezielle Diskriminierung gegen psychisch Kranke nicht. Ich sehe darin vielmehr eine neurotische Haltung des psychisch Kranken der aufgrund  der Unzufriedenheit dass er oft nicht so funktioniert wie  ein psychisch Gesunder und aufgrund dessen ein anderes Leben führen muss oder kann, wie man es gerade sehen will, einen verdeckten Vorwurf bzw. Kritik an psychisch Gesunden. Ich glaube der psychisch Kranke ist neidig bzw. eifersüchtig und etwas beleidigt dass sich der psychisch Gesunde so verhält wie er sich fühlt bzw. funktioniert. Dem psychisch Kranken wäre wahrscheinlich ein Mitleid erregendes oder nicht  so fröhliches Verhalten psychisch Gesunder lieber. Das ist ungefähr so als wenn die Route der Lebensmittel-Lieferwagen für  Merkur, Billa & Co. voll befüllt, wenn möglich noch durch einem Glascontainer täglich afrikanische Dörfer mit hungernden Kindern mit ihren aufgeblähten Bäuchen kreuzen würden, in jedem Dorf einen kleinen Stopp einlegen um Wasser zu lassen und sich die Füsse zu vertreten. Dann sagt der Fahrer des Lieferwagens zu den Kindern: alles Gute, ihr schafft das schon, durchhalten.
Der Fahrer meint es ehrlich und sieht sich keiner Möglichkeit oder gar Schuld bewusst die Situation beeinflussen zu können.
Doch würden die hungernden Kinder die Schmach des bäuchig wohlgenährten Fahrers nicht täglich mit ansehen müssen? Welcher Umstand wäre jetzt der bessere? Können die hungernden Kinder von der Situation in Form von Ablenkung, zusätzlichen Emotionen, Phantasien theoretisch in irgendeiner unterbewussten Form davon sogar profitieren? Macht es Hoffnung die Vorstellung von Lebensmitteln vor sich wahrzunehmen und einen genährten Menschen mit fröhlicher Miene zu sehen? oder zermürbt es zusätzlich und macht einen noch hoffnungsloser als man in dieser Situation schon  ohnehin ist?
Theoretisch könnte es auch eine Plattform geben, auf der begeisternd Fußball-Interessierte oder spielende Menschen auf die Diskriminierung gegen sich hinweisen weil es ausreichend nicht Fußball-Interessierte Menschen gibt die regelmäßig beim Zuhören von fachkundigen Fußball-Gesprächen darauf hinweisen nicht zu verstehen wie man dieser Sportart nur so viel Aufmerksamkeit widmen kann. Immer wieder höre ich ausreichend Argumente von anders Freizeit-orientierter Menschen wie: das ist ein Proleten-Sport, gibt es überhaupt einen Fußballer der eine Matura hat? oder – wie kann man nur daran Gefallen finden dem Ball hinterher zu rennen. Das sind nur einige wenige Argumente. Ist das nicht eine  Diskriminierung? Ich denke schon. Aber was macht dieses Beispiel dazu dass es nicht polarisiert und warum gibt es keine Plattform dafür? Warum fühlen sich in diesem Beispiel die Menschen nicht diskriminiert?
Ich  glaube es liegt daran dass diese Menschen während ihrer Begeisterung für Fußball glücklich sind und kein Gedanke darin Platz hat eine Diskriminierung zu erkennen, zu definieren oder gar ernst zu nehmen. Der Umstand dass der einzelne Mensch Spaß daran hat mit einem oder mehrerern Gleichgesinnten über Fußball Fach zusimpeln oder Fußball miteinander zu spielen ist derart froh schaffend dass es fast unmöglich ist hier einer Diskriminierung Raum zu geben.
In den letzten Jahren wurde immer öfter durch die Sportverbände des Fußballs eine Initiative bzw. Kampagne „Gegen Rassismus im Fußball“ ins Leben gerufen. Das ist neben der vorangegangenen Initiative „Play fair“ die Zweite in dieser Sportart gewesen. Hätten die Verantwortlichen der Verbände diese doch wichtigen ernst zu nehmenden Initiativen nicht professionell ins Leben gerufen, die Teilnehmenden für sich, auch wenn es zig-Millionen weltweit sind hätten keine einzige Plattform weltweit ins Leben gerufen die diese Thematik aufzeigen würde. Erst die Verantwortlichen sahen darin auch ihre Verantwortung und nach genauerer Analyse eine Wichtigkeit dies zu propagieren und haben mit ihren regelmäßigen Kampagnen bisher sicher dazu beigetragen die Wogen etwas zu glätten bzw. das Nachdenken und die Kommunikation darüber ein wenig anzuregen.20140531_122604

Gewinnen

Zum Thema Depression gibt es fast ausschließlich Bücher mit Gewinnern.

Wie ich meine Depression besiegen konnte…

Jene Bücher von Menschen die ich gelesen habe waren meist von Journalisten. Entweder von Journalisten die selbst erkrankt waren, oder von Journalisten jene sich für jemanden engagierten um dessen Geschichte zu schreiben. Jene Bücher, es waren doch einige, sind im Inhalt, in der Art und Weise doch sehr unterschiedlich. Das einzige was mich überrascht hat, war, dass ich bei einigen zwar entnehmen konnte dass ganz klar eine depressive Erkrankung vorlag, aber die Intensität und die Details derart an der Oberfläche kratzten dass mich dies schon sehr verwundert hat. Die Bücher die ich von diesen Betroffenen las, hatten alle unter ihrem Titel in ähnlichem Wortlaut, jedenfalls vom Sinn her, klein gedruckt stehen: „Wie ich meine Depression besiegte“.

Somit frage ich mich natürlich. Kann man ein Buch zu dieser desaströsen unglaublichen Erkrankung und leiden vollen Zeit nur schreiben wenn man sie „besiegt“ hat? abgesehen davon dass ich das Wort besiegt im Zusammenhang mit Krankheit schon immer als extrem unpassend empfunden habe weil mir dadurch der Respekt und die Achtung jenen Menschen gegenüber verloren geht die noch in dieser Erkrankung stecken oder sie zugrunde richtete und ihnen das Leben nahm oder aufgezwungen wurde sich das Leben zu nehmen weil es auf Dauer nicht mehr erträglich war. Sie sind alle keine Verlierer wie ich finde. Sie hatten alle ein Leben, in den meisten Fällen auch ein gutes vor dieser Erkrankung. Und wenn dich nach einem vorher gutem Leben dann plötzlich Mitte des Lebens diese Krankheit schlicht und einfach bis ans Grab bedrängt und es dramatisch im Selbstmord zur Erleichterung endet, auch dann war man ein Mensch mit mehr als einem Leben und einer Geschichte außer dem Ende und der Erinnerung der Hinterbliebenen dass man gegen seine Krankheit „verloren“ hat. Also wenn jemand meint er hätte gegen seine Krankheit gewonnen dann meint er ja wohl dass man gegen eine Krankheit verlieren kann. Ich meine diese Sichtweise ist nicht sehr würdig. Trotz Freude und Erleichterung die einem genesenen die Sicht auf die Dinge des Lebens wieder mit Leichtigkeit begegnen lassen. Niemand der sich von dieser quälenden Erkrankung, nur weil sie in komplizierter und unglaublich schwerer Form oder auch der unglücklichen Variante von Genen jene eine Therapieresistenz trotz zig moderner Psychopharmaka mit sich bringen in eine Prognose eines Schlachtfeldes des Grauens verwandeln. Du wirst dann phantasievoll gedacht zum ehrenhaften Samurai der sein Dorf, sein Leben, seine Kultur verteidigt und in auf seinem Pferd in die Schlacht zieht von den in unüberschaubarer Überzahl moderner Waffen wie Maschinenpistolen schon von der Weite ins Visier genommen und du kommst gar nicht erst in den Zweikampf auf fairem Terrain. Du hast dann einfach keine Chance außer mit erhobenen Hauptes deinen letzten Willen durchzusetzen. Deinen Willen, genau das ist es dann. Du wartest nicht im Dorf bis die Soldaten einrücken und dich ausräuchern und dann gnadenlos vor deiner Familie exekutieren. Nein, du legst deine Rüstung an, nimmst dein Samurai-Schwert und stellst dich deinem Schicksal mit deinem Entschluss dass es dein Wille ist dieses Schicksal nicht anzunehmen und erweist dir selbst die letzte Ehre.

Ich weiß was es bedeutet diese Erkrankung in seiner nieder schmetternden Form zu erleben. Die Angst vor dem Tod ist erst der Beginn jener Qualen die du dann erleidest und aushalten musst während du am Leben bist, sofern sie dir das Gefühl gibt dass du dann am Leben bist. Du bist dann lebendig begraben und erleidest Höllenqualen und wünschtest du wärst Tod. Und gleichzeitig möchtest du gesund sein, leben und nicht sterben. Ein schreckliches Szenario.
Jedenfalls frage ich mich, gibt es einen Verleger der ein Buch zu dem Thema Depression auch veröffentlicht wenn man die Depression nicht besiegt hat? Gibt es Leser die an einer Lebensgeschichte und depressiven Biographie interessiert sind ohne auf der Titelseite zu erfahren ob es zum Schluss eine Art Happy End oder eine plötzliche Pille oder eine plötzlicher geheimer alternativer Schatz zur individuellen Heilung geführt haben? Hm, Sie sind jedenfalls einer davon, denn schon zu diesem Zeitpunkt, wo ich nicht weiß wie mein gesundheitlicher Verlauf bis zum Erscheinen des Buches sein wird, das Buch wird nicht mit dem Untertitel: wie ich die Krankheit besiegte erscheinen.

Viele der Bücher der Menschen über Ihre Depression die ich gelesen habe sind auch seltsamerweise am Ende nicht so erzählt dass man entnehmen kann dass sie die Erkrankung hinter sich gelassen haben. Es treten während dieser Erkrankung meistens unterschiedliche Episoden auf. Gottseidank auch jene wo es mal besser läuft und man das Gefühl hat nicht nur zu überleben sondern zu leben. Befinde ich mich am Ende meiner Geschichte des Buches in so einer Episode, habe ich dann die Krankheit besiegt?

Man kann die Wahrheit sowieso nicht aufdecken. Ob es nun dem Kommerz unterliegt nur mit abschließendem Erfolg sozusagen Menschen an einer interessanten wenn auch dramatischen Geschichte teilhaben zu lassen bzw. man möchte dass es jemand erfährt, geradezu Trost spendet, noch mehr Trost um so mehr Menschen davon erfahren. Mir würde es Trost spenden. So viel Trost wie ein Regenguss Tropfen auf mich fallen ließe.SAMSUNG CAMERA PICTURES

Hoffen und Wagen

Eine Besserung muss her, EKT?

April 2015.

Seit rund einer Woche beschäftige ich mich sehr mit dem Gedanken tatsächlich eine Elektrokrampftherapie im Krankenhaus durchführen zu lassen. Ich recherchierte alle interessanten  Seiten zum Thema im Internet. Wissenschaftliche Grundlagen und Statements von renommierten Ärzten und Kliniken. Erfahrungen von Ärzten und mir sehr wichtig Patienten in unterschiedlichen Ländern. Eines ist klar, man findet zu allem was es auf diesem Planeten gibt im Schreibrohr des Menschen, bei Meister Google auch leider Negatives. Das wäre so als wenn einem Medikament kein Beipackzettel beiliegt. Zusammenfassend versuche ich mich auf die positiven Erfahrungen von Patienten zu besinnen. Die negativen Meinungen sind zwar sehr dominant abschreckend beschrieben, beruhen aber oft zum Großteil auf ethischen Sichtweisen wie zum Beispiel dass es unmenschlich sei mit Strom ein Gehirn therapieren zu wollen. Die Interpretation, Definition und Emotion spielt bei den negativen Meinungen dazu die größte Rolle. Es ist ungefähr vergleichbar mit Themen wie „ob Sterbehilfe schwer kranker leidender Menschen die Sterben wollen vertretbar ist oder nicht“, oder der Thematik ob ein Embryo welches mit 99 prozentiger Sicherheit schwerst behindert zur Welt kommen wird abgetrieben werden darf, sollte oder nicht. Ja, so ähnlich würde ich den emotionalen Hintergrund der Elektrokrampftherapie beschreiben. Die Sichtweisen dazu als auch die Häufigkeit der Anwendung ist in den Ländern bzw. verschiedenen Kontinent extrem unterschiedlich. In den Vereinigten Staaten als auch in den nördlichen Ländern Europas wird diese Art der Therapie bei weitem mehr als normale Therapieform akzeptiert und dementsprechend auch eingesetzt als zum Beispiel in Österreich und Deutschland. Bei Deutschland wird der Grund Distanz dazu darin vermutet dass durch den Missbrauch in der Nazizeit im 2. Weltkrieg an unzähligen Patienten wissenschaftliche Versuche durchgeführt wurden. Die Elektrokrampftherapie, auch Elektrokonvulsionstherapie genannt, mit dem Versuch die positive Weiterentwicklung der letzten ca. 60 Jahre dem Patienten angenehmer und zugänglicher zu machen hat sich natürlich verändert. Allerdings ist in Deutschland aber auch in Österreich noch das Wissen über die damals unkontrollierte und brutale Anwendung an den Menschen noch sehr im Gewissen und assoziieren damit schon mal Abschreckung die auch teilweise bevor man sich im Detail informiert verständlich ist.

EKT – Das O.K.
17.20 Uhr
Termin bei meiner Ärztin Dr. House in ihrer Ordination. Ich erzähle ihr von meiner weiter anhaltenden psychischen Instabilität, von regelmäßig auftretenden starken symptomatischen körperlichen Qualen wie diese Atemdepression oder Dyspnoe, Herzanomalien, Tachykardien, Verschwommenheit der Wahrnehmung, Achterbahnfahrt der Gefühle. Ich bitte Sie für mich alles in die Wege zu leiten eine Elektrokrampftherapie in der Psychiatrie bei mir durchführen zu lassen. Kurz danach schießen mir auch gleich die Tränen aus den Augenwinkeln. Tränen der Anspannung. Tränen, die Entscheidung auszusprechen diese doch nicht gewöhnliche Therapie an mir durchzuführen. Ich weiß nicht ob es die richtige Entscheidung ist. Aber ich entscheide mich dafür. Und ich stehe zu meiner Entscheidung. Das geht Hand in Hand. Ich muss zu meiner Entscheidung stehen sonst verlässt mich der Mut den ich ständig mit mir schleppe. Hoffentlich hilft es mir. Hoffentlich geht alles gut.
Frau Prof. House teilt mir mit dass Sie erst die EKT-Liste einsehen muß wann ich einen Termin erhalte. Sie wird mir diesen mitteilen. Es ist geplant erst 2 Tage vor Durchführung der 1. EKT im Krankenhaus einzuchecken. Es sind zumindest 6 Einheiten geplant. Sollten diese positive Wirkung zeigen werden ca. weitere 3 bis  6 Einheiten durchgeführt. Die EKT´s werden jeweils Montag, Mittwoch, Freitag durchgeführt, also 3 pro Woche. Somit werde ich 2-4 Wochen, je nach Verlauf stationär im Krankenhaus verbringen.

EKT – Es geht los!
Mai 2015
Kurz vor der Frühstücks-Durchsage wache ich auf. EKT! der Gedanke benötigt zirka Lichtgeschwindigkeit um mir den Tag vorzugeben. Durch das einschießende Adrenalin ist auch die depressive Schlummer-Phase vorbei. Jetzt volle Konzentration. Durchatmen. Konzentriere dich. Du ziehst das jetzt durch. Du hast dich entschieden, sagen mir meine Gedanken. Ich steige aus dem Bett, gehe die 3 Meter ins Badezimmer, schaue in den Spiegel, O.K. Baby, jetzt geht es los. Christian, 16.12., 2.2., 4.10., 22.07., 06.06., Die voluminöse Expansion der subterialen Agrarproduktion steht in reziproker Relation zur intellektuellen Kapazität des Produzenten, Allibaba, Kurs 76,40…. wenn ich aufwache gehe ich das alles noch mal durch ob ich mich noch daran erinnern kann. Jetzt tu was du tun musst Junge. Ok. Komm. Konzentriere dich.
Ich putze mir die Zähne, eine frische Rasur auf jeden Fall falls ich dabei drauf geh, wer will schon unrasiert aus dem Leben schreiten, außerdem werde ich vielleicht schneller wieder belebt falls mein Herz versagt, bin ich ungepflegt und unrasiert zögern die vielleicht im Kreis werde den Vorrang hat. Immerhin, ich würde mein Datum am Grabstein als einer der Wenigen im Vorhinein gekannt haben.
So, Baby-Haut garantiert, ich streiche mir über die zarte Haut, das ist gut rasiert, sieht in Ordnung aus. In Gedanken sehe ich bereits die Elektrode auf der rechten Schläfe angebracht. Streiche darüber, gehe in Gedanken alles durch. Heute keine Gesichtscreme. Duschen ist mir jetzt auch kurzfristig  zu aufwendig. Aber die Füsse packe ich ins einzeln abwechseln  ins Waschbecken und seife sie ordentlich ein. Will doch nicht dass meine EKT-Crew durch den Geruch der Sportschuhe in Ihrer Arbeit beeinträchtigt werden.
Den Oberkörper mache ich auch noch schnell mit Katzenwäsche frisch. Sogar einen Spritzer Hugo Boss eitle ich unter meine Achselhöhlen. Verdünnisiert sich dann ohnehin mit einem Liter Schweiß die nächste Stunde. Besser als nichts.
So das war es. Beine bequeme Pyjamahose wird angezogen. Am Oberkörper brauche ich nichts. Da werden dann ohnehin die EKG-Elektroden platziert. Hänge mir nur meinen Lieblings grünen Kaputzenjacke um.
Sekunden danach schreitet auch schon ein junger Medizinstudent in mein Zimmer. Herr Christian ? Ja. Guten Tag. Sie bekommen jetzt einen Teflon von mir gesetzt und dann machen wir ein EKG.
Alles klar sage ich und unterdrücke an  diesem erst kurzen Morgen schon zum ersten mal meine Tränen.
Er spielt sich eine zeit lang  mit den verwurschtelten Kabeln wie ich zeitweise mit meinem Terrassenschlauch. Er erzählt dass ihm  die letzten Male immer das Papier der EKG-Aufzeichnung ausgegangen sei und hofft dass das heute nicht so ist. Mhm, klar.
Der diensthabende Pfleger Hr. Karl kommt in mein Zimmer.
So. Herr Christian. Sie bekommen jetzt eine Infusion. Vitamine. Jaaa?!
OK. Karl. Alles klar.
Kurz danach schreitet auch schon ein junger Medizinstudent in mein Zimmer. Herr Christian ? Ja. Guten Tag.
Er spielt sich eine zeit lang  mit den verwurschtelten Kabeln wie ich zeitweise mit meinem Terrassen-Schlauch. Er erzählt dass ihm  die letzten Male immer das Papier der EKG-Aufzeichnung ausgegangen sei und hofft dass das heute nicht so ist. Mhm, klar.
Wir plaudern noch etwas über seine laufende Fußball-Gegenwart und meine aufgrund meines Patellaspitzensysndroms abgelaufene aktive Fußball-Aktivitäten und dann läuft auch schon das Kontroll-EKG.
Übrigens, es soll so um 11.00 Uhr losgehen. Also bald. Flüstert er mir noch zu.
Danke für die Info sage ich mit leicht steigendem Puls.
Schönes Wochenende, ergänze ich noch.
Danke. Wünsche Ihnen noch eine gute Genesung.
Kaum hat er den Raum verlassen nehme ich mein Handy zur Hand. Meinen Vorsatz bis nach der EKT aus keinen Kontakt mehr zu Familie  und Freunden zu haben um die emotioalen Gefühle etwas runter zu schrauben schmeiße ich in der gegenwärtigen Emotion in einer Sekunde über den Haufen. Wie programmiert haue ich in die Tasten und verteile es an meine Liebsten.
„Bin ca. um 11.00 Uhr an der Reihe“ schreibe ich…

Sekunden später, alles geht Schlag auf Schlag, steht Frau Prof. House, meine Ärztin vor meinem Bett.
Guten Morgen Herr Christian, sagt Sie mit ihrer weichen Stimme, reicht mir ihre warme Hand und ergänzt:
Um 10.00 Uhr starten wir Herr Christian, in ein paar Minuten.
Ich bin bei Ihnen, Ja. Alles wird gut. Bis gleich.
Spätestens jetzt haben sich alle wenn auch depressiven Sinne teils aktiviert und der Tunnelblick besser gesagt Tunnel-Gedanke auf meine EKT nimmt ein eigenes Ausmaß an.
Ich schnappe nochmal im Handumdrehen das händy und tippe:
„Jetzt bin ich dran“
3 Minuten später stehen meine Ärztin, und noch 2 weitere an meinem Bett.
Die Infusion wird vom Venflon abgehängt.
Ich werde gefragt ob ich im Bett mit runter fahren möchte oder gehen möchte.
Gehen!
Die Ärzte schieben mein Bett und ich trappe hinterher.
Wir müssen 2 Stöcke tiefer, Richtung Aufzug erstmal. Dort das Bett eingefädelt zwängen wir uns dann zu viert um das Krankenbett.
Ebene 4
Raus, den Gang entlang Richtung EKT-Intensivstation.
Noch hat meine Gefühlswelt voller Angst und Unsicherheit  nicht die Decke erreicht, aber es spitzt sich mit jeder Sekunde mit jedem Meter, mit jedem Satz des Ärzteteams, mit jeder Emotion der Leute um mich extrem zu. Wie ein Fieberthermometer. Es steht bei 39.
Eine Türe wird geöffnet, das Bett hinein geschoben. Ich gehe hinein. Der Anästhesist sitzt in der Ecke und begrüßt uns.
Er wirkt als hätte er was geraucht oder sich selbst eine kleine Dosis anästhesiert. Es liegt an seinem Äußerem und seiner Art, nicht dass ich seine Professionalität anzweifle.
So, Herr Christian, legen Sie sich bitte mal aufs Bett.
Gesagt getan, lege den Kopf zurück. Ab diesem Moment beginnt alles wie in Zeitlupe abzulaufen.
Die EKG-Elektroden werden auf meinem Oberkörper angelegt. Monitore um mein Bett herum.
Die  Ärztin beginnt meine rechte Schläfe mit einem Gel einzureiben. Jeder Schritt der durchgeführt wird wird mit einem einfachen Satz dokumentiert um mich zu informieren bzw. weil es einfach so üblich ist.
Dann wird auf das Gel eine Elektrode gelegt und angebracht. Ein Metallband um meine Stirn folgt.
Mein Augen blicken nur noch in eine der Scheinwerfer an der Decke und rühren sich nicht mehr von der Stelle. Ich möchte jetzt nichts mehr sehen außer dieses Licht da oben.
Der Anästhesist: Herr Christian, sind Sie mit dem Pianist verwandt?
Nein.
Anästhesist: 185 groß, und 78 Kilo habe ich in Erinnerung.
Bitte bringen Sie jetzt nicht meine Unterlagen durcheinander. 72 Kilo! sage ich mit bestimmender leicht entsetzter vorwurfsvoller Stimme.
Keine Antwort darauf.
Voll lauter Angst in diesen Sekunden habe ich nicht mal mehr genug Gedankenfreiheit um mir zu denken: Was für ein Vollidiot wenn das witzig sein soll.
Der Anästhesist spritzt mir die Narkose in mein Röhrchen und teilt mir mit dass es brennen wird aber dass es nicht anders geht.
Es wird ca. 30 Sekunden dauern, Herr Christian.
30 Sekunden? denke ich mir. Nehme es zur Kenntnis. Blicke weiter ins Licht.
Es brennt! Es brennt wirklich! Höllisch.
Meine Ärztin hält leicht meine triefend schwitzende eiskalte Hand. Das berührt mich in diesem Augenblick ein wenig. So eine kalt schwitzende Hand zu halten um mir zu zeigen dass Sie da ist.
So, Herr Christian, jetzt wird es gleich kalt am Kopf, wir machen hier den Druckausgleich.
Ich spüre leichte Müdigkeit. Wehre mich vehement dagegen. Als wenn ich mich gegen das Sterben wehren würde.
Mein Bett wird von den Ärzten langsam gefahren.
Wo fahren wir hin? Warum fahren wir?
Es ist schon vorbei Herr Christian! Alles ist gut.
Vorbei? Ich bin doch gar nicht eingeschlafen?
Ich werde aufs Zimmer geschoben.
Dort greife ich zu meinem am Nachtkästchen liegendem Handy. Zur Sicherheit hatte ich vor der EKT meinen PIN-Code entfernt falls ich mich danach aufgrund  von Kurzzeitgedächtnis-Problematik nicht mehr erinnern hätte können.

11.03 Uhr
Ich tippe wieder:
Bin wach, 1. EKT angeblich gut überstanden! Bin noch benommen. Ab 12.00 Uhr darf ich was trinken, bis bald!
Sediert fühlend und schwankend raffe ich mich trotzdem schon nach Minuten im Bett etwas auf. Etwas narzisstisch wirkend schaue ich in meinem Handy mit der Frontansicht-Einstellung aufs Display. Na ich schau vielleicht drein. Halleluja. Die Haare stehen mir zwar  nicht zu Berge, aber der Gesichtsausdruck gleicht  einem Tiefschlaf der etwa Jahre gedauert haben könnte. Ich setze mich auf, schlupfe in meine Bade-Schlapfen, ziehe meine Jean an, ein T-Shirt, meinen Lieblings grünen Kaputzen-Sweater, gehe kurz mal ins Bad, wasche mir wie eine Katze das Gesicht, hole mir eine Zigarette und mein Feuerzeug aus dem Nachtkästchen und torkle raus auf den Gang. Im Aufenthaltsraum hole ich mir einen Kaffee und torkle mit dem Becher weiter Richtung Aufzug hinunter Richtung Ebene 4 zum Gartenausgang auf die Bank im Raucherbereich. Dort sitze ich nun, versuche die Balance zu halten, trinke meinen Kaffee und zünde mir eine Zigarette an. Schon nach wenigen Minuten beginnt sich mein Puls in die Höhe zu schrauben, so auf 120+ und  der Kreislauf spürt sich gar nicht zufrieden an. Leichte Panik kommt unterbewusst auf. Ich dämpfe die halbe Zigarette aus und suche schnell das Weite. Das war wohl keine gute Idee. Ich muss sofort rauf in den kontrollierten Bereich. Der  Aufzug fährt mir fast nicht  schnell genug von 4 auf Ebene 6. Schnell rein, falls es mich jetzt umhaut muss wer in der Nähe  sein. Auf meiner Station angekommen melde ich mich beim Stützpunkt und melde dass es mir gar nicht gut geht, ich einen Kaffee getrunken und blöderweise schon eine Zigarette geraucht hätte. Meine Ärztin und das Stationspersonal bitten mich mich in meinem Bett noch auszuruhen. Dem leiste ich auch Folge. Hauptsache Sie wissen Bescheid dass es mir jetzt plötzlich verdammt mies geht. Ich verbringe etwa 1 Stunde schonend im Bett. Nachdem sich meine Panik, mein Puls und meine Übelkeit wieder etwas legen stehe ich wieder auf, gehe zum Stützpunkt und bitte um mein Mittagessen welches in der Küche für mich reserviert wurde. Suppe, Panierter Dorsch mit Zitrone und Kartoffelsalat. Die Suppe geht  noch. Als ich den panierten Dorsch von Zitronen getränkt mit kleinen Bissen langsam schlucke beginnt mein Hals zu kratzen und zu brennen. Auch das Schlucken spürt sich noch an als wenn ich es gerade lernen würde. Irgendwie fühle ich mich total fertig, reibe mir ständig die Stirn und esse in Zeitlupe. Danach begebe ich mich wieder aufs Zimmer um mich wieder etwas ins Bett zu legen.

Gegen vier Uhr Nachmittag trudelt mein Bruder zu Besuch  ein. Ich freue mich riesig dass er gekommen ist. Wir sitzen unten im Garten rum und ich erzähle ihm wie ich mich fühle  und wie gnadenlos aufregend die 1. EKT verlaufen ist. Dass man bis wenige Sekunden vor der Einleitung des Stromstoßes nicht sediert alles mitbekommt, meine Hände Schweißtriefend neben dem Körper lagen und man noch auf einen schlechten Witz des Anästhesisten nicht gereizt reagieren sollte.
„Guten Tag Herr Christian, heute zeige ich Ihnen wie das funktioniert und das nächste Mal können Sie es schon selber machen“
Normalerweise hätte ich ihm für diesen Blödsinn eine kurze EKT ohne Narkose verpassen müssen. War leider nur in meiner Phantasie möglich. So ein Arschgesicht.
Mein Bruder leistet mir ein zwei Stunden Gesellschaft. Danach kommt Sandra. Immer noch wie belämmert verbringe ich mit ihr eine Weile im Garten und erzähle noch mal alles von Vorne. Schließlich mein Tageshighlight, eigentlich Jahreshighlight wenn nicht eines meiner persönlichen biographischen 7 Lebens-Weltwunder. Mittlerweile  hatte ich ein paar Stunden abzuchecken ob noch bei meinem Gedächtnis so alles  da ist, bin Geburtsdaten und  einige wenige lyrische Erinnerungen durchgegangen. Bemerke keine Auffälligkeiten. Gottseidank. Ich akzeptiere alles als positiven Verlauf, als 1. EKT gut überstanden, laut  Ärztin hat  der Krampfanfall medizinisch bzw. therapeutisch gepasst, keine Komplikationen wurden mir mitgeteilt, und nehme es als erfolgreich und überstanden in mir auf.

Am Abend vorm Zubettgehen bemerke ich beim Zähneputzen dass meine Nasenspitze total mitgenommen ist. Alles offen, ausgeprägte Fieberblasen am Naseneingang und mein Hals brennt und kratzt als wäre eine Influenza im Anflug.
Samstag morgen erwache ich schon erstmal kurz gegen 5 Uhr. Außergewöhnlich munter fühle ich mich. So, als könnte ich jetzt aufstehen und an jedem Therapieprogramm bereits teilnehmen. Normalerweise fühle ich mich erst wenn  überhaupt so gegen Mittag. Ich freue mich kurz darüber, weiß  aber dass das Frühstück erst um 8 Uhr kommt,  besuche  kurz die  Toilette und nicke dann wieder in den Schlaf.

Um 8 Uhr wird per Lautsprecher das Frühstück  angekündigt. Eigentlich wie im Flugzeug. Finde ich charmant. Jedesmal sagt es  wer anderer durch. Wer halt  gerade Dienst hat am Stützpunkt der im Schichtwechsel immer von zwei Stationsmitarbeitern besetzt  ist. Am Wochenende ist keine Visite. Ein Oberarzt ist für alle psychiatrischen Stationen sozusagen notbesetzt und zuständig und jongliert zwischen den Ebenen je nach Bedarf.
Beim Frühstück fühle  ich mich nicht schlecht. Eindeutig  besser als sonst. Nicht so gehemmt durch  vegetativ bedingte Symptomatik und freue mich darüber. Der eine oder andere fragt mich beim Frühstück wie es war und  wie es mir geht und ich kann uneingeschränkt und mit größerer Leichtigkeit  darüber kurz sprechen. Nach dem Frühstück begebe ich mich wieder in den Garten bzw. zuerst  auf die überdachte Bank vor dem Garten. Dort wo zwei Bänke und  ein Rauchertegel stehen und traue mich doch glatt instinktiv bereits eine anzuzünden. Normalerweise habe  ich das rauchen am Vormittag abgestellt weil es  mir in letzter Zeit nach dem Rauchen immer gleich total schlecht ging. Dyspnoe, Extrasystolen und depressive Verstimmung nahmen immer gleich um satte fünfzig Prozent zu. Nur  diesmal nicht.  Wie in guten Tagen vertrug ich die erste Zigarette bereits nach dem Frühstück. Hallo Dopamin! Und  kein depressiver Abfall. Keine vegetativ bedingten Entgleisungen. „Freu!“ Ich weiß nicht, kann es eh nicht wissen ob es Zufall oder auch Placebo ist. Vielleicht hat es mit der 1. EKT zu  tun? Wäre toll. Meine Waden haben  einen Muskelkater  als wenn ich am Vortag 200 Kilometer mit dem Rad in einem durchgefahren wäre. Heftig. Aber Kleinigkeiten denke ich mir. Wenn sonst nichts ist.

Das Wochenende verbringe ich im Krankenhaus. Tagesausgang ist zwar genehmigt. Sonntag, Muttertag fühle ich mich nicht mehr so wie Samstag.  Unsicher, schwach, eiskalte Hände, depressiv, nervös. Ich habe für 12.30 im Klinikum einen Tisch für 4 Personen reserviert. Meine Eltern, mein Bruder  und ich wollen hier auch anlässlich des Muttertags etwas Zeit  miteinander verbringen. Ich fühle mich nicht gut. Für mich wird das Muttertagsessen im Klinikum fast zum Aussitzen oder Beisitzen. Ich kann an den Gesprächen kaum was lockeres, ergänzendes oder lustiges beitragen, spüre das und es tut mir sehr weh nicht gut zu fühlen und  vom Besuch meiner Familie profitieren zu  können. Es tut verdammt weh!

2. EKT – 6 Sekunden Herzstillstand!
Montag, 11. Mai 2015.
10.00 Uhr. Ich werde wieder in den EKT-Raum auf Ebene 4 gebracht. Während das Prozedere am und ums Bett herum seinen intensiven Lauf  nimmt meint  meine Ärztin Prof. House kurz  zu mir: „Heute sind Sie etwas entspannter als beim 1. mal, sagen zumindest die  Monitore Herr Christian.“ Ich erwidere: „Vielleicht 2 Prozent Frau Professor, 2 Prozent“.
Die Narkose wird  eingeleitet. Ich wehre mich gegen die Wirkung, und tschüss…..
…. ohne wahrnehmende Zwischensequenz, als wenn ich keinen Filmriss bemerkt hätte werde ich bereits wieder mit dem Bett von den Ärzten Richtung meinem Zimmer geführt.
Dort bleibe ich diesmal länger liegen und mache nicht den gleichen Fehler zu früh aufzustehen und gleich eine „durch zu ziehen“.
Zirka 30 Minuten später erscheint meine Ärztin an meinem Bett, nimmt sich einen Stuhl und setzt sich zu mir.
„Herr Christian, es gibt da etwas das müsste ich Ihnen gar nicht sagen, aber  da wir immer so offen miteinander reden möchte ich  Ihnen das sagen“
In mir braut sich ein Gewitter seinesgleichen zusammen! Was kommt da jetzt bitte, denke ich mir und schau Sie  entsetzt und voller Anspannung und Angst an.
„Ihr Herzschlag hat 5 Sekunden ausgesetzt.“
„Scheiße“ erwidere ich und Tränen zwängen sich durch meine Contenance.
„Sie sagten doch Sie trainieren zuhause regelmäßig, gell.?“
„Ja, aber Frau Prof. dass heißt nicht dass ich noch Sportler bin bzw. die Fitness eines Leistungssportlers mit 47 Jahren mitbringe. Dass ist ein Notprogramm um mich so gut es geht Zuhause noch etwas fit zu halten um es soll antidepressiv entgegen wirken.“
„Herr Christian, ich wollte Ihnen das sagen, und wir wollen jetzt nicht mehr daraus machen als es ist. Ich habe als Sahnehäubchen einen ganz lieben Internist vom Krankenhaus gebeten mit Ihnen zu reden und sich das mal kurz anzusehen. Der Internist schaut morgen ab 14.00 Uhr bei Ihnen vorbei. Zur Sicherheit Herr Christian. Alles wird gut.“
Ich bin fast sprachlos, nehme Ihre Information zur Kenntnis und verfalle in meine unglaublich ängstliche Gedankenwelt.
Warum? So ein verdammter Dreck. Kann nicht irgendwas das ich durchziehe mal glatt laufen. Ohne Komplikationen? Nein. So ein Mist. Das stand einfach nicht auf meinem Plan. Ich habe mich so überwunden dieser EKT zuzusagen und Sie dann auch durchführen zu lassen. Unglaubliche Überwindungen. Und jetzt das?! Das darf doch nicht wahr sein.
Physisch mitgenommen und mental völlig demontiert liege ich wie eine ausgedorrte Birne in meinem Bett und die Zeichen meiner Tränen die ohne Schluchzen die Wangen runter laufen sind das momentan einzige Lebenszeichen das ich empfinde. Ich bin zerschlagen, fühle meinen Mut durchkreuzt. Wie viel Schicksal schmettert mir der Zufall des Lebens, die Erkrankung noch vor den Latz. Was musste ich alles tun und wie weit bin ich gegangen um das hier zu tun. Um mir Elektroden an die Schläfe schnallen zu lassen und Strom an den Vagus Nervus und durchs Gehirn knallen zu lassen um eine angeblich oder eventuelle gute Chance wahrzunehmen dass eventuelle zuviele Vernetzungen in meinem Gehirn gekappt und eventuell wesentliche Hauptvernetzungen wieder mehr Fluss bekommen könnten. Und jetzt? Jetzt spielt tatsächlich mein Herz nicht ganz mit? Ich habe mich für diese Tage vorbereitet, habe zuhause in Angst und Ehrfurcht Extraschichten auf meinem Heimtrainer und auf meiner Fitness-Matte tausende von Situps und Liegestützen gemacht um hier physisch halbwegs fit zu sein. Und jetzt spielt mein Herz nicht mit? Ich bin ein Mensch mit einem großen Herz, mit einem sensiblen Herz, mit einem trainierten Herz. Auch wenn es die letzten Jahre aufgrund  meiner psychischen Erkrankung zu oft durch die Hölle ging. Und jetzt spielt mein Herz nicht mit?
Nach stundenlangem Warten auf den Kardiologen der sich dann kurz vor 20.00 Uhr als Internist auf herbei eilendem Roller am Stützpunkt vorstellt bin ich wieder hoch konzentriert.
Er sitzt im Stützpunkt, die Türe wird angelehnt. Er begutachtet einige Unterlagen, ein paar Blicke in einen Monitor, ein paar kurze Sprechblasen zu den Stationsschwestern. Vielleicht drei vier Meter entfernt in einem Warteareal mit Blick durch die Fenster des Stützpunktes verfolge ich akribisch jede einzelne Mimik des Arztes, als wenn ich seine Mundbewegungen lesen wollte. Mein Gehirn und meine kognitiven noch vorhandenen Fähigkeiten geben jetzt noch mal alles was sie drauf haben. Jede Bewegung des Arztes wird unter eine Schablone gelegt und in Millionstel Sekunden gescannt und in einer Schublade eingelegt. Es dauert keine zwei Minuten und meine Schubladen sind gefüllt. Doch was wird sich bewahrheiten? Nicht mehr abwartend gehe ich in die Offensive. Schreite zum Stützpunkt. Noch bevor die Schwestern deuten können dass der Herr der da vor der Türe stünde der betreffende Patient sei schiebe ich die angelehnte Türe so seriös als möglich in die Tiefe und öffne sie.
Guten Tag, Christian.
Grüß Gott, nehmen Sie Platz.
Ich schnappe mir den erstbesten Drehstuhl und sitze neben ihm. Er wirkt extrem entspannt, gelassen, ausgeglichen, kompetent, sofern man so aussehen kann und sympatisch oben drein. Obwohl das jetzt zweitrangig ist und nur die Analyse zählt.
Meine Ärztin hat mir heute  mitgeteilt dass ich am Beginn der Stromeinleitung der EKT 5 Sekunden mein Herz nicht geschlagen hat.
6! 6 Sekunden waren es.
Erschreckt starre ich ihn an.
Mir wurden 5 Sekunden mitgeteilt. Also 6. O.K.
Schauen Sie Herr Christian. Wenn ihr Herz jetzt in diesem Moment 6 Sekunden pausiert bekommen Sie es wahrscheinlich nicht mal mit. Außerdem, es gibt ein Antidot. Das ist ein Gegenmittel.

Bevor mir noch die eigentliche logische Schlussfolgerung in den Sinn kommt ob er meint dass ich es nicht mitbekommen würde weil ich zwischen 3 und 6 Sekunden ohnmächtig werde und sozusagen wenn keiner da wäre der mich reanimiert den plötzlichen Herztod gestorben wäre versuche ich so gut es geht meine 300 Prozent Angst runter zu schrauben und das vom Internisten gesagte 100 prozentig abzuspeichern um dann wie ich es immer tu alles was er sagt im Internet zu recherchieren und abzugleichen weil die Ärzte immer darum bemüht sind dass der Patient beruhigt ist auch wenn noch so der Hut brennt. Außerdem gehen Ärzte viel zu selten davon aus welche Mühe ich mir mache aufgrund meiner schweren Erkrankung und des Verlaufes mir durch das Internet unglaublich viel Sachwissen im Laufe der Zeit angeeignet habe und so gut wie immer up to date bin.
Nach dem paar minütigen Gespräch mit dem lockeren Internisten der ein paar Notizen in meiner Stützpunkt-Akte macht und letzt Endes mit der Hauptinformation verbleibt dass ich mir keine Sorgen machen brauche weil es ein Antidot im „EKT“-Raum während der „EKT“ gäbe und dass es auf der Herzstation wirklich sehr arme Patienten gäbe die wirklich arm sind, erkenne ich dass das Gespräch am Ende ist und die Schwammigkeit seinen Lauf genommen hat.
Er streckt mir die Hand entgegen.
Meine Hände sind eiskalt wie blankes Eis.
Dann her damit! erwidert er.
Wir schütteln uns die Hände.
Der Temperaturunterschied der Oberfläche unserer Hände muss ungefähr bei 30 Grad gelegen sein.
Auf Wiedersehen. Danke.
Der Internist steigt auf seinen Roller und verlässt fahrend die Station.

Er hat gesagt es gibt ein Antidot. Ok. Mir kann also bei der EKT nichts passieren was diese Komplikation betrifft.
Warum sagte er 6 Sekunden?! Er korrigierte mich nachdem ich ihm mitteilte dass meine Ärztin mir 5 Sekunden keine Herzschlagfolge mitteilte dass es sich um eine 6 sekündige Asystolie handelte. Ich bilde mir ein er hat Sekunden bevor er das sagte in einen Monitor gesehen. Also warum sagte meine Ärztin 5 Sekunden?
Mir fällt ein, als ich im EKT-Raum lag, kurz bevor das Anästhesie-Mittel in den Venflon injiziert wurde tauchte  plötzlich meine Ärztin im Raum auf und ich sie sagt:
Als ich das gehört habe, bin ich gleich gekommen.
Ihre  Stimme klang minimal aufgeregt und man merkte die vorangegangene Beeilung in ihrem Klang.
Als Sie dann plötzlich auch neben meinem Bett stand sage ich zu ihr:
Frau Prof., was machen Sie denn hier?
Ich wollte Ihnen eine Freude machen Herr Christian. Freuen Sie sich nicht dass ich da bin?
Warum ist Sie wirklich gekommen? Und warum hat Sie das vorher gesagt? Hat sich das auf mich bezogen? Wenn es sich auf mich bezogen hat, hat Sie geglaubt ich bekomme das nicht mit? Warum ist Sie in meine 2. EKT geeilt? Warum hat Sie von 5 Sekunden Asystolie gesprochen?
Irgendwas ist da unklar. Intuitiv rieche ich hier irgendwie Verschleierung. Ich muß das checken! Es ist etwa 21.00 Uhr. Gehe zum Stützpunkt.
Ich möchte bitte in meine Akte Einblick nehmen. Natürlich heute nur wenn Sie noch die zuständige Oberärztin erreichen.
Ja, die ist in der Nähe, kein Problem Herr Christian.
Die Stationsmitarbeiterin hält mir auf Einverständnis der diensthabenden Oberärztin meine Akte vor die Nase.
So, was möchten Sie da genau wissen Herr Christian.
Hier ist ein Protokoll mit einigen Notizen des Internisten. Bitte ein Kopie davon. Und dann hätte ich noch gerne eine Kopie des Anästhesieprotokolls. Aber das werde ich morgen früh wenn die Ärzte anwesend sind anfordern. Reiche meine Akte an die Stationsschwester zurück und verschwinde mit den Notizen des Internisten in meinem Zimmer.
Ich setze mich auf mein Bett und stiere gleich aufgeregt die Notizen auf dem Vordruck des Kninischen Briefes bzw. Konsiliarbefundes des Internisten ab.

Liebe Klinik,
Pat. rez Tc (FRQ bis zu 170/min., Minuten bis Stunden)
Empf: MR-Herz (arrhythmogener rechts-ventrikulärer ARVD)
da 6 Sec. Asystolie nach EKZ empfehle ich Pause von Concor pro Interreverse
mfG

Was? Empfehlung? was empfiehlt er? ARVD, was ist ARVD?
Ich schnappe mir den Laptop aus meinem Spind. In einem akribisch mechanischem Ablauf als würde ein Rettungsmann nach dem Alarm seine Garnitur in schnellsten Abläufen zusammenfassen und zum Einsatz aufbrechen.
Passwort, komm, komm, Google, ARVD, 1. link, zack zack,
was steht da?

Arrhythmogene Rechtsventrikuläre Dysplasie (ARVD oder ARVCM)
Angeborene Herzerkrankung, bei der die rechte Herzkammer nicht aus Herzmuskel-Gewebe, sondern überwiegend aus Fett oder Bindegewebe besteht. Bei diesem angeborenen Herzfehler besteht ein deutlich erhöhtes Risiko den plötzlichen Herztod, da gehäuft maligne Herzrhythmusstörungen auftreten. Besteht aufgrund von Schwindel/Ohnmachtsanfällen, einem auffälligen EKG oder Fällen von plötzlichem Herztod im engen Verwandtenkreis der Verdacht auf eine ARVCM sind weitere diagnostische Maßnahmen erforderlich. Die Echokardiographie und das Herz-MR (CMR) sind meist wegweisend. Eine genetische Untersuchung und vor allem die Elektrophysiologische Untersuchung bringen zusätzlich Klarheit. Bei der ARVCM besteht wie auch bei anderen Kardiomyopathien die Indikation zur präventiven Implantation eines implantierbaren Defibrillators (ICD).

Als ich das lese fährt es mir durch Mark und Bein. Plötzlicher Herztod? angeborene Herzerkrankung? So eine Scheiße! Empfehlung? Na gut, aufgrund meiner Angaben und der 6 Sekunden-Asystolie sichert er sich sicher ab. Aber trotzdem. Was ist wenn das zutrifft? Der hat sicher langjährige erstklassige Kompetenz, wenn er inutuitiv Recht hat? Bitte nicht! Bitte jetzt nicht! Verdammt nochmal. So, und jetzt zum Betablocker. Komm Google. Was geben wir ein? Asystolie bei Elektrokrampftherapie. Scroll, scroll, Curser links, Curser rechts, rauf, runter, scroll.
O.K. hier ist ein Auszug aus einem Buch Seite 364.
4. Bei einer Dauertherapie mit ß-Rezeptoren-Blockern ist während der tonischen Phase die Gefahr einer Asystolie erhöht. Sie sollen deshalb am Tag der EKT nicht oder erst wieder im Anschluß daran verabreicht werden.

Ich kann das ja gar nicht glauben was ich da lese?
Sind die noch ganz dicht?
Der Anästhesist, der Komiker, führt mit mir ein dreißig minütiges Vorbereitungsgespräch vor der 1. EKT auf lässig, so als würden Sie mir dann 3 Kronen machen und sagt noch:
Ja, die Morgenmedikation von 150 mg Lyrica und die 0,5 mg Rivotril lassen wir vor der EKT weg, bitte nicht einnehmen. Den Betablocker, das Concor, wieviel nehmen Sie da? 1,25 mg. Das ist ja eine niedrige Dosierung. Die können Sie ohne weiteres in der Früh noch nehmen. Das macht Sie dann auch etwas ruhiger.
Da steht es erhöht die Gefahr einer Asystolie und der wahnsinnige lässt mich den Betablocker vor der EKT einnehmen wenn schwarz auf weiß steht dass es die Gefahr einer Asystolie erhöht. Ich glaub ich flipp aus.
So, und was steht noch bei Asystolie bei Elektrokrampftherapie so im deutschsprachigen Raum?
über 3 Sekunden kommt sehr sehr selten vor? zweimal sehr? Ich glaub ich spinn. Es hat in einer bekannten Klinik in Deutschland im Jahr 2001 schon mal eine 18-sekündige Asystolie bei einer EKT gegeben? Vor also 14 Jahren in einer bekannten Klinik, 3x solange? na das tröstet mich ja jetzt statistisch total. Ich dreh gleich durch! Das gibts ja alles nicht. Morgen früh verlange ich das Anästhesieprotokoll.
Mit Dobermann-Blick marschiere ich früh morgens beim Eintreffen der Ärzte auf den Stützpunkt zu.
Klopf. Klopf.
Guten Morgen, Grüß Gott.
Sind Sie bitte so nett, ich möchte eine Kopie des Protokolls meiner 2. EKT.
Herr Christian, guten Morgen. O.K. Na schauen wir mal. Schaut in den Monitor. Hier, das Anästhesieprotokoll, mit den Puls- und Sauerstoffsättigungswerten etc., das werden Sie wahrscheinlich meinen!?

Ja. Bitte drucken Sie mir das aus.
Danke Ihnen. Und verschwinde mit Dobermann-Blick mit geöffnetem Mund aus dem Stützpunkt und verschwinde sofort in meinem Zimmer.
So. eine Tabelle. So wie Excel Format. Alle möglichen Werte. O.K. was suche ich. Die Asystolie. Wo ist Sie? Wo ist die Asystolie? Die 6, von mir aus 5 Sekunden? Wo sind Sie. Kein Diagramm. Nur Zahlen neben den Parametern eingetragen. O.K.
Da steht nichts! Wo ist diese verkackte Asystolie? Alles was hier steht ist im Normbereich.

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10.54 Herzfrequenz (1/min) 92 1/min;
10.54 SpO2: 100 %
10.54 Pulsfrequenz: 89 1/min.
10.56 Freitext-Kommentar: Post Eingriff EKG empf.
sowie kardiologische Abklärung
10.57 Anästhesie Ende: Anästhesie Ende
10.57 Bereit zur Verlegung: Bereit zur Verlegung;
10.57 Protokoll Ende: Protokoll Ende.

Die sagten doch es ist gleich bei Einleitung des Stroms eingetreten, also gleich nachdem ich narkotisiert wurde und Sie auf den Knopf drückten. Da steht aber nichts in dieser Zeit. Nur zu Beginn ist ein Diagramm von 10.30 Uhr bis 11.00 Uhr. Da fehlen zu Beginn ein bis 2 Punkte im Diagramm. Die schreibt da im Freitext-Kommentar Feld: kardiologische Abklärung? Die sitzt eine halbe Stunde da drinnen, ist nur für das Protokoll zuständig und textet zur kardiologisch erbetenen Abklärung nicht mal den Grund? Das darf doch nicht wahr sein? Das gibt es nicht! 3 Wörter, von mir aus 5 Sekunden Zeitaufwand für den Grund der kardiologisch erwünschten Abklärung. 6-sekündige Asystolie. Warum hat die das nicht ergänzt? Das ist doch nicht ordnungsgemäß. Das ist doch faul! Die haben das nur mündlich weitergereicht. Untereinander? Na klar, dann hat der Anwesende, meine Ärztin 5 Sekunden erlebt, und der nicht anwesende Internist erzählt mir als wüsse er es genau und sagt: Es waren sogar 6 Sekunden.

„Na jetzt kracht es aber! Die können sich was anhören. Jetzt muss ich mit denen Tacheles sprechen. So geht das nicht!  Meiner Meinung nicht ordnungsgemäß! Fahrlässig könnte man schon sagen.
1. Betablocker, diese Ahnungslosen haben nicht gewusst dass ich den vor der EKT sicherheitshalber pausieren muss.
2. Anästhesieprotokoll, kardiologische Abklärung erbeten und halten es für nicht angebracht den Grund dazu zu vermerken?

Mittwoch, der Tag an dem eigentlich die 3. EKT vorgesehen ist.
Gegen 8 Uhr, zur Frühstückszeit, schreite ich mit bösem Blick Richtung Stützpunkt. Ich weiß dass mein Frühstück an diesem Morgen gesperrt ist weil ich Nüchtern sein soll weil die  noch nicht wissen dass ich vor Abklärung der Herz-Asystolie keine Elektrokrampftherapie weitermachen  werde. Im Stützpunkt sind  bereits die Ärzte eingetroffen und haben sich mit den Stationsmitarbeitern versammelt und besprechen die Tagessituation, sehen sich verschiedene Befunde im Monitoring an oder recherchieren oder analysieren die Kurven der Patienten um für die ab 9 Uhr beginnende Visite vorbereitet zu  sein.

Ich blicke in die Runde im Stützpunkt in Weiß.
Eine der beiden diensthabenden Oberärztinnen bemerkt mich sofort.
Herr Christian, guten Morgen. Ich habe schon gehört. Gestern war der Internist bei Ihnen und wir werden den Betablocker auf Empfehlung jetzt doch vor der EKT weglassen.
Grüß Gott Frau Professor. Und haben Sie auch die Empfehlung des Internisten zur Abklärung mittels einer Herz-MRT gelesen?
Ja. Das ist bei Gelegenheit, Herr Christian.
Bitte, wo  steht bei der Empfehlung des Internisten irgendwo „bei Gelegenheit“? Dort steht dass  diese Untersuchung auch mit einer eventuellen Verdachtsdiagnose einer ARVD empfohlen wird, und da steht nirgendwo auch nicht in  Klammer „bei Gelegenheit“. Also wie kommen Sie bitte darauf dass diese Untersuchungs-Empfehlung bei  Gelegenheit gemeint ist?
Also heißt das dass Sie heute die EKT nicht machen werden?
Nein! Bevor ich wie vom Internisten empfohlen zur Abklärung die Herz-MRT nicht durchgeführt und befundet wurde werde ich die EKT nicht fortsetzen.
Auf gar keinen Fall also?
Sicher Nicht!
O.K. rufen Sie an und sagen Sie die EKT für Herrn Christian heute ab, sagte Sie zu einem der Stationsmitarbeiter.
Daraufhin wendet Sie sich was immer Sie sich denkt von mir ab und beschäftigt sich mit  Ihren Aufgaben. Eine der Stationsmitarbeiterin teilt mir kurz mit für mich ein Frühstück aus der Küche zu organisieren und gibt mir inzwischen meine Morgenmedikation. Mit Adrenalin vollgepumpt und total verärgert und entschlossen folge ich der Schwester zur Küche, nehme mein Frühstückstablett entgegen, setze mich in den Speiseraum und verschlinge eine Butter-Marmeladen-Semmel und trinke den üblichen Filterkaffee dazu.
Gegen halb neun trifft meine zuständige Ärztin ein und setzt sich im Frühstücksraum zu mir.
Guten Morgen Herr Christian.
Guten Morgen Frau Professor.
Herr Christian, wie war das Gespräch gestern mit dem Internisten?
Er war sehr nett, emphatisch und hat mir versucht mich so gut als möglich zu informieren und letztendlich, Sie finden die Notizen in meiner Akte empfohlen  eine Herz-MRT durchzuführen um einen Zusammenhang meiner Asystolie mit einer eventuellen angeborenen oder erworbenen Herzerkrankung auszuschließen.
O.K., dann machen wir jetzt mal vorerst eine Pause von der EKT und sehen wann wir den nächsten Termin für die Herz-MRT hier im Haus bekommen können.
Sollte es hier nicht in absehbarer oder angemessener Zeit möglich sein, bin ich gerne bereit die  MRT mit einer Überweisung extern durchführen zu lassen. Ich kenne da einige Röntgeninstitute, eines in Baden oder jenes in der Urania wo ich sicher innerhalb von Tagen dran komme. An der Organisation meinerseits soll es nicht  scheitern, ergänze ich noch etwas frech.
Gut. Jetzt schauen wir mal wann wir hier einen Termin erhalten können und  ich gebe Ihnen dann Bescheid. Wir sehen uns später bei der Visite. Gut? Bis später.
Ich verschwinde auf mein Zimmer und widme mich nochmals meinen gesammelten Notizen und Recherchen aus dem Internet sowie dem Anästhesieprotokoll und überlege mir meine Punkte für die Visite. Da eigentlich schon alles zur momentanen bzw. neuen Situation besprochen wurde beabsichtige ich trotzdem vor gesammelter Belegschaft des Visitenteams und Zimmerkollegens die Punkte nochmal gesammelt vorzutragen bzw. auch definitiv als Kritik festzuhalten um durch die ganzen Einzelgespräche nicht wieder neuerliche Missverständnissen aus heiterem Himmel aufkommen zu lassen. Die Definition aus heiterer Hölle würde wohl angemessener passen in diesem Zusammenhang.

Etwa 11.00 Uhr, Visite Zimmer 6:
Grüß Gott.
Beginnen wir bei Ihnen Herr Christian.
Heute bleibe ich zum ersten Mal in meiner gesamten Laufzeit aus stationären Aufenthalten am Bett sitzen, habe die Füße im Türkensitz, eine steinerne bissige Miene und bin nicht bereit mich wie sonst höflich bei der Begrüßung mit Handschütteln aufzustehen und verharre beim Handshake demonstrativ obwohl nicht in Gips am Bett sitzend.
Ich spüre förmlich zum ersten Mal diesmal glaube ich auch die angespannte Haltung meiner Ärztin.
Grüß Gott Herr Christian.
Wir haben bereits wegen einem Termin zur Herz-MRT angefragt. Wir geben Ihnen so rasch als möglich Bescheid wann dieser möglich ist. Schauen wir mal. O.K.?
Ja. Gut.
Ich möchte noch meinerseits folgendes festhalten bzw. Kritik anbringen.
Es ist international üblich bei Langzeittherapie mit Betablockern am Tage der EKT den Betablocker abzusetzen, weil dieser die Möglichkeit einer Asystolie deutlich erhöht. Der Anästhesist hat mit mir beim Vorbereitungsgespräch auf „locker vom Hocker“ über alles gesprochen und gemeint ich kann diesen morgens vor der EKT einnehmen, der beruhigt mich. Ich glaube der Anästhesist sollt eine  Nachschulung machen. Er hat scheinbar in der Schule nicht  aufgepasst, sonst hätte er mir den Betablocker zur morgendlichen Einnahme gestrichen.
Weiters möchte ich Kritik anbringen dass im eineinhalb seitigen Anästhesieprotokoll alles mögliche an Daten und Durchschnittswerten notiert ist und abschließend im Freitext steht dass eine kardiologische Abklärung erbeten ist. Die Anästhesistin sitzt rund  30 Minuten in dem EKT-Raum, hat eh nichts anderes zu tun als sich um das Protokoll  zu kümmern und man findet es nicht der Mühe wert zu der Notiz der kardiologischen Abklärung zu vermerken warum diese gewünscht ist? Das finde ich aus meiner Sicht  nicht  ordnungsgemäß! Eine 6-sekündige Asystolie ist eine sehr sehr seltene und gehört zu den schwereren Komplikationen und man lässt diese 3 Wörter der Begründung einfach weg? Ich finde das nicht in Ordnung!
Ich habe das jetzt nochmal festgehalten und möchte es hiemit damit beruhen lassen weil schließlich möchte ich ja dass mir  hier geholfen wird und möchte es mir nicht mit allen verkrämen. DSC_1079

Verhandeln

Grundsätzlich werden SSRI zurzeit bei Depressionen und Angsterkrankungen und teilweise Sozialen Phobien und Zwangserkrankungen als Mittel der 1.Wahl bezeichnet und als sicher eingestuft und etwa tri- oder tetrazyklische Psychopharmaka in vielen Lektüren als „dreckig“ beschrieben weil diese etwa dreißig bis fünfzig Jahre älter sind als herkömmliche und angeblich unangenehmere Nebenwirkungen als SSRI haben sollen.

Vergleichen Sie die Beipackzettel lässt dies schon mal zweifelhaft erscheinen. Aber, die Anzahl an Studien, und zwar jene welche veröffentlicht werden oder werden dürfen entscheidet über die Transparenz und das Marketing und den Stellenwert eines Psychopharmaka in der Psychiatrie als auch bei den Hausärzten, Kardiologen oder Internisten oder sonstige Fachärzte die bis dato alle die Befähigung hatten Psychopharmaka zu verschreiben.

Lesen Sie zu viel Lektüre der  Psychiatrie oder sind ständig Gast bei Google und zu tief in die Materie der psychopharmakologischen Welt vorgestoßen, kann es dazu führen, sofern Sie das auch möchten, dass Sie im Einvernehmen mit ihrem Facharzt irgendwann mit verhandeln dürfen welche Medikamente Ihnen verschrieben werden.

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